Buchkritik "Trabant gekauft - Was nun?"
erschienen im Bildverlag Thomas Böttger, Autor Frank B. Olschewski.



Vor einigen Tagen gingen in meinem Onlineshop Trabiteile.de die letzten Trabi Reparaturratgeber "Wie helfe ich mir selbst" (WHIMS) zur Neige und so kam mir das Angebot über ein neues und zeitgemäßes Buch mit Tipps und Tricks zum Trabant gerade recht. Ich bestellte 10 Stück beim Verlag. Dazu wurde mir ein kostenloses Leseexemplar versprochen, welches ich aber leider nicht erhalten habe.

Nach meinem ersten, nicht gerade positiven Eindruck, habe ich das Buch vollständig und intensiv durchgelesen und dazu einen roten Textmarker und gelbe Klebezettel zur Hand genommen, um mir auffallende Fehler anzustreichen und die Seiten mit den gelben Zetteln zu markieren. Als ich auf Seite 25 war und an jeder Seite ein Zettel klebte, habe ich das mit den Zetteln aufgegeben...

Nun habe ich 2 Nächte darüber geschlafen und dabei überlegt, was zu tun ist. Ich mache es mir nicht leicht aber ich muss Sie Herr Böttger als Verleger und Sie Frank Olschewski als Autor dazu auffordern, dass Buch aus dem Handel zu nehmen und bereits versendete Exemplare zurückzurufen.

Ich hoffe, dass diese Maßnahme in meiner folgenden Einschätzung des Buches für jeden verständlich wird. Es ist mir nicht möglich auf jeden gravierenden Fehler einzugehen, denn dann müsste ich an dieser Stelle ein neues Buch schreiben. Zitate sind zur besseren Übersichtlichkeit fett gedruckt. Nun aber eine kleine Auswahl der Dinge, die mir aufgefallen sind: 1. Die Idee des Buches find ich genial. Die gesamte Umsetzung der Idee/des Buches ist unabhängig vom falschen Inhalt, extrem unprofessionell. Das betrifft z. B. Dinge der Auf- und Einteilung. So ist z. B. zu einigen Themen ein farbig hinterlegter Kasten mit dem Inhalt: "Die sieben Sünden beim Fahren" oder in einem anderem Thema: "Die sieben Sünden beim Fetten". Auffällig ist dabei, dass es immer 7 Sünden sind, egal um was für ein Thema es sich handelt. Da hat man sich eben bei kleineren Themen sinnloses Zeug aus den Fingern gesaugt um auf die 7 Sünden zu kommen und bei umfangreicheren Themen musste man wichtige Dinge weglassen um bei den 7 Sünden zu bleiben. Solche Spielereien haben meiner Meinung nach in der Technikecke nichts zu suchen. Außerdem lernt man in Psychologie oder beim Vermitteln von Wissen, dass man möglichst sagt, was zu tun ist und nicht, was nicht zu tun ist.
Des Weiteren ist in der Einleitung beschrieben, dass das Buch auch Werkstätten ansprechen soll. Das Thema Bremsen reparieren ist allerdings in 3 Sätzen abgehandelt und zum Wechseln der Radbremszylinder steht dann, dass man sich an eine Werkstatt wenden soll?! An ganz anderer Stelle im Buch ist dann wiederum sehr gut und ausführlich beschrieben, wie man die Bremse entlüftet.
Im weiteren Gesamteindruck finde ich das Buch unübersichtlich und irreführend.

2. Aus persönlichen Erfahrungen und historischen Hintergründen finde ich folgenden Textabschnitt zum Trabi und seiner Rolle in der DDR eher ungetroffen: "Aufgrund seines günstigen Preises war die Anschaffung des Autos immerhin einer breiten Bevölkerungsschicht möglich. Der liebevoll Trabi genannte Wagen wurde von seinen Besitzern gepflegt, fotografiert und individuell ausgestattet. Trabibesitzer waren stolz darauf, es soweit gebracht zu haben."

3. Der Autor schreibt, dass sich die Anzahl der zugelassenen Trabis von Jahr zu Jahr halbiert. Das ist stark übertrieben und kann man in den Zulassungsstatistiken der letzten Jahre nachlesen. (Nachtrag 2015: Die Talsohle ist überschritten, wir haben nun steigende Zulassungszahlen)

4. Beim Mäusekino angekommen, wird zwar erklärt, dass man im Bereich der vier grünen Leuchten wirtschaftlich fährt, aber nicht, was das Gerät eigentlich wirklich anzeigt. Im Übrigen sind die Anzeigewerte von Trabi zu Trabi stark unterschiedlich.

5. Das Thema Bremsen scheint beim Autor eine große Schwachstelle zu sein. In der Erklärung der Funktionsweise des Trabants und der Bremsen wird gesagt: "Die Bremsen des Trabis sind gut. Bremsen modernerer Autos sind besser; nicht weil sie besser bremsen, sondern weil sie, elektronisch unterstützt (ABS), die bestmögliche Bremswirkung erreichen."
Diese Aussage ist schwerwiegend falsch! Die Bremsen moderner Autos bremsen auch ohne ABS viel besser, extrem deutlich besser spätestens, wenn man das 3. oder 4. Mal kurz hintereinander stark bremsen muss wie es z. B. bei einer Strecke mit Gefälle oder bei Anhängerbetrieb der Fall ist. Wohnt der Autor womöglich im Flachland? Nicht nur moderne Autos, auch ein Golf I schlägt die Trabibremse um ein vielfaches, auch ohne ABS! Große Vorteile auch von älteren "Westfahrzeugen" gegenüber der Trabibremse sind: geradeaus ziehende Bremsen, bessere Dosierbarkeit, fehlendes Rattern, Bremswirkung auch bei Anhängelast und/oder Bergabfahrten, die vielfach längere Haltbarkeit und einiges mehr!
Weiter geht's im Text (es wird gerade die fehlende Motorbremse bei kilometerlangen Talabfahrten beschrieben): "... und weil die Konstrukteure das wussten (die fehlende Motorbremse bei kilometerlanger Talabfahrt), haben sie die Bremsen des Trabants ein wenig überdimensioniert." ... und noch weiter: "Bei langen Gefällen ... wird die Bremse dennoch zu heiß."
Was soll man dazu noch sagen? Der hier vermittelte Eindruck, dass die Bremsen des Trabis "gut und überdimensioniert" sind, kann gerade bei Anfängern und Trabanteinsteigern dramatische Folgen haben. Die Bremse am Trabant ist die Schwachstelle schlechthin und schon nur deswegen muss das Buch aus dem Verkehr gezogen werden!
Zur Instandsetzung der Bremsen schreibt der Autor wenige unwichtige Sätze und geht nicht annähernd auf die Feinheiten ein. Nachsteller, Federn, Bremsleitungen etc. sind gar nicht erwähnt. Zu den Radbremszylindern steht: "Radbremszylinder wechseln ist Sache der Werkstatt ...". Gerade in den Werkstätten ist man aber oft verlassen und verschaukelt und gerade bei so wartungsintensiven Bremsen ist es wichtig und vor allem am sichersten, wenn jeder selbst seine Bremse kurzfristig instand setzen kann. Zudem richtet sich das Buch ja auch an Werkstätten und gerade die Bremse als eines der Trabantthemen schlechthin, hätte hier unbedingt beschrieben werden müssen! Möglicherweise hat der Autor seine Bremse noch nie instandgesetzt?

6. Weiterhin steht im Buch: "Wer viel bremst, fährt falsch - meist zu schnell. Fest steht, dass Autofahren Geld kostet. Schnelles Fahren kostet noch mehr Geld, und Bremsen kostet extra, nämlich Bremsbelag, und weil nach dem Bremsen auch wieder beschleunigt werden muss, auch Benzin." Über solche, meiner Meinung nach unpassenden Aussagen, kann man geteilter Meinung sein. Ich empfehle dem Autor doch zu Fuß zu gehen. ... aber dass kostet Schuhe, Zeit und macht nicht soviel Spaß. ;)

7. Hart wird's bei der Mischungsempfehlung. Hier begeht der Autor nach dem Bremsenthema meiner Meinung nach den schwerwiegendsten Fehler: Er empfiehlt für die Motoren letzter Bauart ein Öl-Benzinmischungsverhältnis von 1:40. Anscheinend ist ihm nicht klar, dass das Öl im Motor zum Schmieren da ist und ansonsten nur negative Eigenschaften besitzt. Ausreichend geschmiert wird der Motor mit unseren heutigen modernen Ölen bereits bei einer Mischung von 1:100. Ich persönlich empfehle 1:100 und fahre mit dieser Mischung täglich. Damit ist man auf der sicheren Seite. Alles Öl mehr erhöht die Klingelneigung, setzt Ölkohle an, verkürzt die Lebensdauer des Motors und qualmt hinten raus. Wer meine Abhandlung zu dem Thema lesen möchte, klickt bitte hier: http://www.trabiforum.de Aus welchem Grund sollte man mehr Öl Tanken als schon der Hersteller empfiehlt, der viel schlechteres Öl hatte und schon Reserven für noch schlechtere Öle aus dem osteuropäischen Ausland einplante? Das Mehröl belastet die Umwelt, kostet Geld und verkürzt die Laufzeit des Motors! Die Antwort bleibt uns das Buch schuldig. Vermutlich hat der Autor sich an den Kinofilm Werner erinnert: "mit dem Öl nich spaasam sein...".

8. Der Autor lässt sich weiterhin in sehr zweifelhaftem Maße über die Ölsorten und Zusätze aus, mit der Begründung: "Würde das Mittelchen wirklich so viel Benzin sparen, hätte die Öl-Industrie längst das Patent aufgekauft und verschlossen." Solche und ähnliche Aussagen sind unseriös und haben in so einem Buch wirklich nichts zu suchen!
Weiterhin wird von synthetischen Ölen abgeraten, weil sie dem Motor großen Schaden zufügen können. Diese Aussage ist für mich nicht nachvollziehbar! Warum sollen synthetisch verbesserte Eigenschaften von Ölen wie z. B. eine rauchärmere Verbrennung, weniger Ölkohleablagerungen, verbesserte Schmiereigenschaften, verbesserte thermische Stabilität und einiges mehr dem Trabantmotor schaden? Nein, diese Eigenschaften von synthetischen Ölen schaden nicht, im Gegenteil, genau dass möchte man ja für seinen eigenen Trabimotor haben!

9. Beim Benzin wird vermittelt, das "Normal" schon viel zu gut für den Trabi wäre und demnach völlig ausreichend. Ich selbst habe aber, gerade was die Haltbarkeit des Motors angeht, sehr gute Erfahrungen mit "Super" gemacht, weil das das problematische Leistungsklingeln vermindert.

10. Ölen und Fetten: wenn man die Schaltstange nach Anleitung ölt, dann kann man sich gewiss sein, dass die guten Hosen von dem Öl, was noch tagelang aus der Lenkradverkleidung tropft, eingesaut sind und die Führung der Schaltstange nur mit Glück etwas Öl abbekommen hat.
Beim Fetten werden dann die Handbremsseile mit den Bremsleitungen aus Stahl verwechselt! Laut Anleitung soll man also fälschlicherweise die Stahlleitungen einfetten, anstatt der Handbremsseile!
Und weiter beim Fetten: die Lenkung soll mit einem "Nippel" abgeschmiert werden, anstatt mit einer Fettpresse.

11. Die Art und Weise, wie im Buch die Achsstumpfmuttern gelöst werden, ist wirklich nicht weiter zu empfehlen und da habe ich schon Schmerzen beim Betrachten des Bildes!

12. Warum darf die Handbremse nicht bei aufgebocktem Fahrzeug nachgestellt werden, wie das Buch vermittelt?

13. "Die rote Ladekontrollleuchte leuchtet auf, weil die Lichtmaschine sich nicht mehr dreht." Andere Ursachen sieht das Buch wohl nicht? Z.B. ein defekter Regler oder ein defektes Kabel?

14. Das üblicherweise nicht serienmäßige Verlegen des Zündungsgeberkabels nicht durch den Motor wird vom Autor als ein häufiger Fehler bezeichnet. Ich empfehle diesen "Fehler" aber als bessere Verlegung wie original! Erstens ist das Kabel so deutlich weniger Beanspruchung ausgesetzt denn die serienmäßige Verlegung stellt eine wiederkehrende Pannenursache dar und zweitens halten moderne Keilriemen ein Motorleben lang und die komplizierte Verlegung ab Werk diente nur dazu beim Keilriemenwechsel eine Minute zu sparen.

15. Aussagen wie: "In unserer modernen Zeit sind so viele Fahrzeuge unterwegs, dass die Wahrscheinlichkeit, sich einen Nagel einzufahren, recht gering ist. Meist trifft es daher einen Anderen." sind unsachlich und haben nach meiner Meinung da wirklich nichts zu suchen!

16. Anzugsanleitung für Radmuttern: "Das erfordert etwas Kraftaufwand. Ist man sich seiner eigenen Kraft nicht sicher genug, bittet man an der nächsten Tankstelle jemanden, der die Schrauben anzieht." Präziser ging es wohl nicht? Ein Anzugsdrehmoment hätte an dieser Stelle wohl gepasst und für unterwegs hätte man dieses auch in Kilogramm pro Hebellänge angeben können. Das vorgeschriebene Anzugsdrehmoment ist übrigens so gering, dass das auch jede Frau schafft! Häufig sind die Felgenlöcher so weit aufgeweitet, dass die Felge nur noch für den Metallschrott gut ist. Ursache ist das zu feste Anziehen wie es das Buch fälschlicherweise empfiehlt.

17. Der Autor meint, dass es die vorgeschriebenen Kerzen M14-225 heute nicht mehr gibt. Hmm, da hätte er wohl mal bei Trabiteile.de klicken sollen.

18. Das Entlüften der Bremsen ist sehr gut und ausführlich beschrieben, aber auf dem Bild ist ein nicht originaler Bremsflüssigkeitsbehälter abgebildet. Ich finde das verwirrend und das hätte in diesem Buch, was sich auch an Anfänger richtet, einfach nicht sein müssen. Weiterhin wird empfohlen, die Bremsflüssigkeit jedes Jahr zu wechseln. "Man kann's auch übertreiben" möchte ich dazu sagen und das passt in die Kategorie von übermäßigem Motoröl. Warum soll man beim Entlüften übrigens mit dem rechten Hinterrad beginnen, Herr Olschewski? Diese Anweisung ist quatsch.

19. Bei der Reinigung der Benzinfilter ist der erste im Tank befindliche Filter vergessen worden. Die ausführliche Beschreibung, wie man den Wassersack abschraubt, verleitet jeden dazu, erst mal verkehrt herum zu schrauben!

20. Bei der Fehlersuche ist eine gerissene Isolierkappe von einer Zündspule der Unterbrecherzündung zugeordnet. Der Elektronikzündung macht die defekte Zündspule wohl nichts aus?
Im Bereich der Fehlersuche fehlen viele nützliche Tipps und die Fehlersuche ist unübersichtlich und wenig hilfreich.

21. Der Verbrauch ist mit 6 bis 8,5 Liter angegeben. Beim Sparvergaser mag das richtig sein, dazu fehlt allerdings der Hinweis. Bei anderen Vergasern liegt der Verbrauch höher.

22. Es ist bei allen Themen ungenügend auf die Unterschiede von verschiedenen Ausführungen und Ausstattungen von Bauteilen und Baugruppen eingegangen. Sehr verwirrend, wenn man z. B. einen anderen Vergaser verbaut hat. Um ein technisches Fachbuch zu schreiben, bedarf es ausführlicher Recherchen, entsprechendem Fachwissen sowie Grundkenntnissen in der Vermittlung von Wissen und etwas schriftstellerisches Geschick oder zumindest Hilfe. Nichts davon spiegelt das Buch wieder! Ich habe hier nur einige grobe Dinge herausgeschrieben weil alles andere den Rahmen gesprengt hätte und einige Dinge auch noch genauerer Recherchen meinerseits erfordert hätten. Herr Olschewski meinte bereits zu mir, dass das Buch von einem "Fachmann" aus Zwickau Korrektur gelesen wurde. Ich kann dazu nur sagen: Hoffentlich zahlt dieser angebliche "Fachmann" auch für den entstandenen Schaden! (Nachtrag 2015: Zwischenzeitlich habe ich erfahren, dass es sich bei dem möchtegern-Fachmann im Hintergrund um Jürgen Lisse handeln soll. Er ist Betreiber einer Trabantwerkstatt und Buchautor. Ich durfte ihn schon persönlich kennenlernen und kann bestätigen, dass es sich um einen Selbstdarsteller mit extrem bescheidenem Denkvermögen handelt.)

Neun von den zehn der erhaltenen Exemplare (eins ist mit rotem Textmarker übersät) sende ich zurück und ich muss jedem, egal ob Anfänger, Einsteiger oder Werkstatt, von dem Buch dringend abraten.

Mit freundlichen Grüßen

Ralf Langer
im April 2004

Nachtrag Januar 2012:
Eben rief jemand an, der sich kürzlich seinen ersten Trabi zulegte und zu mir meinte, dass er sich ein Buch dazu gekauft hat. Nach kurzer Recherche musste ich zum großen Bedauern feststellen, dass das oben beschriebene Buch nach wie vor im Handel ist. Ist es nicht gegen jegliche Moral und Gewissen und definitiv unseriös, dass Buch seitens des Verlages nach wie vor zu vertreiben?! Hätte nicht der Autor längst mal die Konsequenz ziehen und sein gemeingefährliches Produkt zurück rufen oder wenigstens nachbearbeiten müssen?! Hat den noch niemand den Autor in die Haftung genommen?! Hat der Autor in den letzten 8 Jahren seit Erscheinen des Buches technisch nichts dazu gelernt? Kann er im Jahre 2012 nicht mit etwas emotinalem Abstand auf sein Misserfolg blicken und die Reste verbrennen? Aber es gibt noch einen oben drauf: Sogar ein auf Trabant spezialisierter Ersatzteilvertrieb bietet das Buch an obwohl er es besser wissen müsste! Offensichtlich gehört es heutzutage auf dem Weg der Globalisierung zum guten Ton, sich selbst an den Teufel zu verkaufen, frei von Anstand, Gewissen und Moral.
Ich mache da nicht mit!